Im September sind in Deutschland 28.647 Steckersolargeräte als in Betrieb gemeldet worden. Im August waren es 41.978. Das ist ein Rückgang um rund 32 Prozent in einem einzigen Monat – und die Zahl macht gerade die Runde, meist mit der Frage dahinter, ob der Markt kippt.
Ich habe mir angesehen, was in den Zahlen steht und was nicht. Die kurze Antwort: Der Rückgang ist real, aber er sagt weniger über die Nachfrage aus, als die Überschriften nahelegen. Und für die Frage, ob sich ein Balkonkraftwerk im Oktober noch lohnt, ist er fast irrelevant.

Die Zahlen im Überblick
Grundlage ist die Statistik der Bundesnetzagentur aus dem Marktstammdatenregister, ausgewertet am 13. Oktober 2026. Dort muss jede Anlage registriert werden, auch das kleine Gerät am Balkongeländer.
| Zeitraum | Neue Steckersolargeräte | Modulleistung |
|---|---|---|
| August 2026 | 41.978 | 61,1 MW |
| September 2026 (vorläufig) | 28.647 | 41,7 MW |
| Januar bis September 2026 | 327.044 | 456,5 MW |
| Bestand Ende September | rund 1,53 Millionen | 1,67 GW |
Der Rückgang steht nicht allein. Die gesamte Photovoltaik in Deutschland ist im September auf 1.226 Megawatt Zubau gefallen, nach 1.644 Megawatt im August – nach Angaben von pv magazine der zweitniedrigste Monatswert innerhalb eines Jahres. Interessant dabei: Dachanlagen legten sogar leicht zu, eingebrochen sind vor allem die großen Freiflächenprojekte. Der Steckersolar-Rückgang ist also kein isoliertes Phänomen, aber auch kein Teil eines allgemeinen Absturzes.
Warum die Septemberzahl mit Vorsicht zu lesen ist
Drei Dinge muss man wissen, bevor man aus dieser Zahl einen Trend macht.
- Die Zahl ist vorläufig. Betreiber haben nach der Inbetriebnahme einen Monat Zeit, ihre Anlage zu registrieren. Ein Teil der September-Anlagen taucht deshalb erst in der Oktober-Auswertung auf. Die Bundesnetzagentur rechnet bei der Gesamt-PV deshalb mit einem Puffer von 15 Prozent – überträgt man diese Größenordnung grob auf die Steckersolargeräte, schrumpft der Rückgang deutlich.
- Gezählt werden Inbetriebnahmen, keine Verkäufe. Wie viele Geräte im September über den Ladentisch gegangen sind, steht in dieser Statistik nicht. Wer im September bestellt und im Oktober montiert hat, erscheint im Oktober.
- Der Vergleichsmonat war stark. Der August lag mit knapp 42.000 Anlagen über dem Schnitt der ersten neun Monate. Gegen einen guten Monat sieht jeder normale Monat nach Einbruch aus.
Was sich dagegen belastbar sagen lässt: Der Markt wächst langsamer als in den Boomjahren. Schon die ersten Monate des Jahres lagen unter den Vorjahreswerten. Das passt zu einem Markt, der die erste Welle hinter sich hat – die Haushalte mit der einfachsten Ausgangslage, eigenem Balkon in Südlage und Lust auf das Thema, haben ihr Gerät inzwischen.
Was es nicht erklärt
An dieser Stelle trenne ich bewusst zwischen dem, was in den Daten steht, und dem, was man hineinliest. Für die naheliegenden Erklärungen – gestiegene Strompreise, Förderstopps in einzelnen Kommunen, Zurückhaltung wegen der Speicherpreise – gibt die Statistik schlicht nichts her. Sie zählt Anlagen, keine Gründe. Wer also behauptet, die Leute kauften nicht mehr, weil X, hat diese Zahl nicht als Beleg, sondern als Aufhänger.
Die ehrliche Lesart lautet: Ein Rückgang von August auf September ist in einem saisonalen Markt normal, die Größenordnung ist auffällig, und ob daraus ein Trend wird, zeigt frühestens die Oktoberzahl im November – dann mit vollständigen Nachmeldungen für September.
Was 1,67 Gigawatt am Balkon bedeuten
Die Bestandszahl lohnt eine Einordnung, weil sie oft falsch verstanden wird. 1,67 Gigawatt Modulleistung klingt nach der Größenordnung eines großen Kraftwerks – und ist es im Spitzenmoment auch. Nur erreichen Solarmodule ihre Nennleistung an wenigen Stunden im Jahr, und an einem bedeckten Dezembertag liefert dieselbe Fläche einen kleinen Bruchteil davon.
Wichtiger ist, wo dieser Strom landet: zum größten Teil direkt im eigenen Haushalt. Steckersolargeräte speisen hinter dem Zähler ein, sie reduzieren also zuerst den Bezug und nur mit dem Rest das Netz. Genau deshalb gibt es die Grenze von 800 Volt-Ampere – sie hält die Rückwirkung auf den Hausanschluss in einem Rahmen, der ohne Prüfung durch den Netzbetreiber auskommt. Und anders als Wärmepumpen oder Wallboxen sind diese Geräte nicht steuerbar: Der Netzbetreiber kann sie nicht herunterregeln. Bei anderthalb Millionen Anlagen ist das ein Punkt, über den in der Branche inzwischen diskutiert wird – geändert hat sich daran bislang nichts.
So schaust du die Zahlen selbst nach
Du musst dich auf keine Meldung verlassen, die Daten sind öffentlich. In vier Schritten:
- Das Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur aufrufen und zur Einheitenübersicht wechseln – dafür brauchst du kein Konto.
- Als Energieträger Solar wählen und auf Steckersolargeräte filtern.
- Nach Inbetriebnahmedatum eingrenzen – Monat für Monat, nicht nach Registrierungsdatum. Das ist der Unterschied, an dem die meisten Auswertungen scheitern.
- Dieselbe Abfrage vier Wochen später wiederholen. Die Differenz sind die Nachmeldungen – und genau sie zeigen dir, wie belastbar die erste Zahl war.
Wer das einmal gemacht hat, liest Meldungen über Zubauzahlen danach anders. Der Septemberwert wird in der Novemberauswertung mit ziemlicher Sicherheit höher liegen als die 28.647, die jetzt durch die Presse gehen.
Lohnt sich der Kauf im Oktober überhaupt noch?
Das ist die Frage, die hinter den Zahlen steckt, und sie hat mit ihnen wenig zu tun. Entscheidend ist nicht, wie viele andere gerade kaufen, sondern was dein Balkon im Jahr liefert.
Im Oktober gekauft heißt: Die ersten fünf Monate bringen wenig. Ein typisches Gerät liefert im Dezember einen Bruchteil dessen, was es im Juni erzeugt – bei ungünstigem Winkel und Verschattung noch weniger. Das ist kein Argument gegen den Kauf, aber eines gegen überzogene Erwartungen in den ersten Monaten. Wie sich Ertrag, Aufstellwinkel und Schnee im Winter tatsächlich verhalten, habe ich in Balkonkraftwerk im Herbst und Winter mit Zahlen durchgerechnet.
Zwei Argumente sprechen trotzdem für den Herbstkauf. Erstens hast du Zeit: Montage, Anmeldung und das Einrichten der Messung lassen sich in Ruhe erledigen, statt im Frühjahr unter Zeitdruck. Zweitens ist die Anlage dann fertig, wenn der Ertrag im März anzieht – und nicht erst im Mai, wenn die Lieferzeiten wieder steigen.
Worauf du beim Kauf jetzt achten solltest
- 2.000 Watt Modulleistung, 800 Volt-Ampere Einspeisung. Das ist der Rahmen, in dem ein Steckersolargerät als solches gilt. Mehr Modulleistung als Einspeiseleistung ist sinnvoll, weil die Module nur an wenigen Stunden im Jahr ihre Nennleistung erreichen – gerade im Winter zahlt sich die Überbelegung aus.
- Anmeldung nicht vergessen. Die Registrierung im Marktstammdatenregister ist Pflicht und dauert online eine Viertelstunde. Sie ist auch der Grund, warum es diese Statistik überhaupt gibt.
- Stecker und Zähler. Der Anschluss über eine normale Schutzkontakt-Steckdose ist inzwischen geregelt – was genau gilt, steht in Balkonkraftwerke mit normalem Stecker erlaubt. Ein alter Ferraris-Zähler, der rückwärts laufen könnte, wird vom Netzbetreiber getauscht; betreiben darfst du trotzdem schon vorher.
- Mietwohnung und Eigentümergemeinschaft. Die Rechtslage hat sich zugunsten der Betreiber verschoben, ganz ohne Abstimmung geht es trotzdem nicht. Die Details stehen in 800-Watt-Regel und Genehmigung für Mieter.
- Wechselrichter und MPPT verstehen. Der Wechselrichter entscheidet mehr über den Jahresertrag als das letzte Watt Modulleistung – die Technik dahinter erklärt MPPT, Wechselrichter und Co..
- Die typischen Planungsfehler kennen. Verschattung durch ein einziges Geländerelement, zu lange Leitungen, falscher Winkel: Die acht häufigsten habe ich in Balkonkraftwerk richtig planen gesammelt.
Die Speicherfrage – gerade jetzt besonders relevant
Ein Speicher verschiebt den Eigenverbrauch in den Abend und erhöht damit den Anteil des selbst genutzten Stroms deutlich. Er verteuert die Anlage aber auch so stark, dass die Amortisation nach hinten rutscht. Ob sich das rechnet, hängt an drei Größen: deinem Grundverbrauch tagsüber, dem Strompreis und der Zahl der Jahre, die du in der Wohnung bleibst. Die vollständige Rechnung mit Zahlen steht in Lohnt sich ein Balkonkraftwerk mit Speicher?, der Einstieg in Balkonkraftwerk mit Speicher: Einsteigerleitfaden.
Ein Hinweis, der in diesem Herbst dazugehört: Speicher enthalten Akkuzellen, und die Preise für Speicherbausteine aller Art ziehen gerade kräftig an. Ob sich das in den kommenden Monaten auf Balkonspeicher durchschlägt, ist offen – ich würde es beobachten, bevor ich eine Anschaffung lange aufschiebe.
Was aus den Zahlen wirklich folgt
Mit 1,53 Millionen Anlagen und 1,67 Gigawatt ist Steckersolar in Deutschland keine Nische mehr, sondern eine Größe, die in der Netzplanung vorkommt. Gleichzeitig zeigt die Jahreszahl – 327.044 neue Anlagen in neun Monaten –, dass weiterhin jeden Monat eine Kleinstadt an Balkonkraftwerken dazukommt. Ein Monat mit 28.647 Anlagen ist in diesem Bild kein Markteinbruch, sondern ein schwächerer Monat.
Für dich als Käufer heißt das vor allem eins: Die Entscheidung hängt an deinem Balkon, nicht an der Statistik. Wie man den erwartbaren Ertrag realistisch schätzt, statt mit der Zahl auf der Verpackung zu rechnen, steht in Balkonkraftwerk-Rendite berechnen – und wer wissen will, wie die Anlage am besten mit Tarif und Verbrauch zusammenspielt, findet das in Strom clever beziehen.
- Balkon prüfen: Himmelsrichtung, Verschattung, Geländerart
- Erwartbaren Jahresertrag realistisch schätzen, nicht den Spitzenwert
- Rahmen einhalten: bis 2.000 Wp Module, 800 VA Einspeisung
- Vermieter oder Eigentümergemeinschaft frühzeitig informieren
- Nach der Montage im Marktstammdatenregister anmelden
- Zählerstand und Ertrag ab dem ersten Tag mitschreiben
- Speicher erst rechnen, dann kaufen
Den letzten Punkt halte ich für den wichtigsten – und den, bei dem die wenigsten durchhalten. Wer vom ersten Tag an mitschreibt, was die Anlage liefert, hat nach einem Jahr eine belastbare Zahl für die eigene Situation. Alles andere sind Durchschnittswerte von fremden Balkonen, erhoben unter anderen Bedingungen, in einer anderen Himmelsrichtung, in einem anderen Jahr.
Und zur Ausgangsfrage: Nein, der Markt kippt nicht. Er normalisiert sich auf einem Niveau, das vor fünf Jahren niemand für realistisch gehalten hätte – gut 300.000 neue Anlagen in neun Monaten sind kein Einbruch, sondern Alltag geworden.
