Ein kostenloses, quelloffenes CAD-Programm, das sich als Nachbau von Fusion 360 versteht, in knapp zwei Wochen über 8.000 GitHub-Sterne sammelt und zum größten Teil von KI-Agenten geschrieben wurde. Klingt nach Hype, und zum Teil ist es das auch. SolidCraft ist aber mehr als eine Schlagzeile: Hinter dem Projekt steckt ein ernsthafter Versuch, parametrisches CAD neu zu denken. Ich schaue mir an, was die Software heute kann, wo sie (noch) scheitert und für wen sie sich jetzt schon lohnt.
Was ist SolidCraft?
SolidCraft ist ein parametrisches 3D-CAD-Programm, komplett in Rust geschrieben. Das Prinzip kennst du von Fusion 360, Onshape oder FreeCAD: Du zeichnest Skizzen, legst Abhängigkeiten und Maße fest, machst daraus Volumenkörper und alles landet in einer Feature-Zeitleiste. Änderst du später ein Maß, baut sich das Modell neu auf.
Die Projektbeschreibung auf GitHub ist ziemlich selbstbewusst: SolidCraft sei eine „Clean-Room-Neuimplementierung von Autodesk Fusion 360“. Gemeint ist, dass Bedienkonzept und Funktionsumfang sich an Fusion orientieren, der Code aber ohne Zugriff auf Autodesk-Interna entsteht. Funktionen werden laut Projekt aus öffentlicher Dokumentation, allgemeinen CAD-Konventionen und Nutzerfeedback abgeleitet. Ein Disclaimer stellt klar, dass es keine Verbindung zu Autodesk oder anderen CAD-Herstellern gibt.
Die Eckdaten im Überblick:
- Lizenz: MIT oder Apache 2.0, nach Wahl. Damit darfst du die Software auch kommerziell nutzen und verändern.
- Plattformen: Windows (Installer oder
winget install bherbruck.SolidCraft), macOS (Apple Silicon und Intel), Linux (AppImage, Snap, Flatpak, .deb, .rpm, auch ARM64) und eine Browser-Version, die ohne Installation läuft. - Technik: Rust, Benutzeroberfläche mit egui, die Geometrie baut auf der Rust-Bibliothek truck auf. Desktop, Browser (WebAssembly) und Kommandozeile nutzen dieselben Befehle.
- Kein Konto, keine Cloud: Die Desktop-Version arbeitet lokal. Das ist ein klarer Unterschied zu Fusion 360.
- Status: Version 0.14, laut eigener Aussage „early but usable for simple parts“, also früh, aber für einfache Teile brauchbar.
Wie ist SolidCraft entstanden?
Das ist der Teil, der das Projekt so bekannt gemacht hat. Gestartet hat es ein Entwickler mit dem GitHub-Namen bherbruck Anfang Oktober 2026. Inzwischen liegt das Repository bei der Organisation tangency-labs. Den Großteil des Codes haben aber keine Menschen getippt, sondern Claude-Coding-Agenten. Im Repository liegt eine CLAUDE.md, also eine Anleitung für die KI-Agenten. Darin stehen unter anderem Regeln gegen abstürzenden Produktionscode und das ausdrückliche Verbot, Fusion, SolidWorks oder Onshape zu kopieren.
Das Tempo ist beachtlich: Version 0.14 erschien laut einem Bericht von Botmonster rund zehn Tage nach dem ersten Commit. Auf GitHub stehen inzwischen über 1.800 Commits und mehr als 8.000 Sterne, wovon der Großteil in nur zwölf Tagen dazukam. Am 17. Oktober 2026 war SolidCraft laut Trendshift das meistbeachtete Rust-Repository auf GitHub.
Pro-Tipp: Wegen des Hypes gibt es bereits inoffizielle Fan-Seiten mit ähnlichen Domains und Anleitungen, die teilweise noch auf die alte Repository-Adresse verlinken. Lade SolidCraft nur über die Releases im offiziellen GitHub-Repository oder über die genannten Paketquellen herunter.
Was kann SolidCraft heute schon?

Für ein Projekt dieses Alters ist die Funktionsliste lang. Ob jede Funktion in jeder Situation stabil läuft, ist eine andere Frage, dazu gleich mehr.
- Skizzen: Linien, Bögen, Splines und Text, dazu ein eigener Constraint-Solver und Maße, die sich über Parameter steuern lassen. Einheiten werden in Formeln berücksichtigt, seit 0.14 auch Zoll und Fuß.
- Modellieren: Extrudieren, Rotieren, Sweep, Loft, Verrunden, Fasen, Shell, Bohrungen, Gewinde, Muster, Spiegeln und boolesche Operationen.
- Baugruppen: Gelenke (seit 0.14 auch Zahnräder, Zahnstange und Schraubgelenke), Bewegungsstudien, Kollisionsprüfung und Masseneigenschaften.
- Blech und Gehäuse: Blechfunktionen mit Abwicklung sowie Features für Kunststoffgehäuse.
- Dateiformate: Export nach STEP (AP242), IGES, 3MF, STL, OBJ und glTF, dazu URDF für Robotik. Seit 0.14 lassen sich FreeCAD- und Rhino-Dateien importieren, die 3D-Ansicht kann als 2D-DXF exportiert werden.
- KI-Schnittstelle: Ein eingebauter MCP-Server (
solidcraft-cli mcp) lässt KI-Agenten direkt im Programm modellieren. Über die Kommandozeile werden JSON-Skripte zu STEP-Dateien und PNG-Renderings.
Für 3D-Druck ist vor allem der 3MF- und STL-Export interessant: Damit landen deine Teile direkt in OrcaSlicer, Bambu Studio oder PrusaSlicer.
Wo hakt es noch?
Hier wird es ehrlich, und das Projekt ist es selbst auch. Die wichtigsten Baustellen:
- Robuste Geometrie: Botmonster berichtet, dass schon ein 2-mm-Fillet am mitgelieferten Beispielgehäuse abgelehnt wurde, weil die Rundungen „Öffnungen in der Oberfläche“ hinterlassen würden. Genau solche Fälle entscheiden im Alltag, ob ein CAD-Programm Spaß macht oder nervt.
- Kein CAM, keine Simulation: Wer aus Fusion Fräsbahnen oder FEM-Analysen kennt, findet in SolidCraft nichts Vergleichbares. Eine vollwertige Zeichnungsableitung mit Bemaßung gibt es ebenfalls noch nicht.
- Keine Fusion-Dateien: Native Fusion-Projekte lassen sich nicht öffnen. Der Umweg führt über einen STEP-Export aus Fusion, dabei geht allerdings die parametrische Historie verloren.
- Nicht signierte Builds: Windows und macOS zeigen beim ersten Start Sicherheitswarnungen.
- Dateiformat in Bewegung: In 0.14 gespeicherte Konstruktionen nutzen Dateiformat 25 und lassen sich in 0.13 oder älter nicht mehr öffnen. Bei dem Entwicklungstempo wird das nicht der letzte Formatwechsel bleiben.
Der Testansatz des Projekts ist dabei durchaus solide: Laut README stimmen 75 von 76 öffentlichen Referenzteilen bei Volumen, Oberfläche, Schwerpunkt und Bounding Box mit den erwarteten Werten überein. Das zeigt, dass die Basis rechnet, wie sie soll. Es sagt aber wenig darüber, wie das Programm mit komplexen, verschachtelten Feature-Historien klarkommt, und genau dort trennt sich bei CAD die Spreu vom Weizen.
Ist SolidCraft eine echte Alternative zu Fusion 360?

Kurz: noch nicht, zumindest nicht für ernsthafte Projekte. Spannender ist der Vergleich mit dem ganzen Feld der Alternativen:
| SolidCraft | Fusion 360 | FreeCAD | Onshape | |
|---|---|---|---|---|
| Kosten | kostenlos | Abo, eingeschränkte Gratis-Lizenz für Privatnutzer | kostenlos | Abo, Gratis-Plan mit öffentlichen Dokumenten |
| Open Source | ja (MIT/Apache 2.0) | nein | ja (LGPL) | nein |
| Läuft lokal | ja, zusätzlich Browser | Desktop mit Cloud-Zwang | ja | nur Browser/Cloud |
| Reife | sehr jung | sehr hoch | hoch | sehr hoch |
| CAM/Simulation | nein | ja | ja, über Workbenches | teils integriert, teils über Partner-Apps |
| KI-Agenten-Schnittstelle | eingebaut (MCP, CLI) | nicht im Kern | nur über Python-Skripting | über API |
Der Vergleich zeigt das eigentliche Problem: Die naheliegende Konkurrenz für SolidCraft ist nicht Fusion, sondern FreeCAD. FreeCAD ist ebenfalls kostenlos, quelloffen und läuft lokal, hat aber über zwanzig Jahre Entwicklung und mit Open CASCADE einen erprobten Geometriekern hinter sich. Was SolidCraft dagegenhält, ist eine deutlich aufgeräumtere, an Fusion angelehnte Bedienung und die tiefe Integration für KI-Agenten.
Warum der Geometriekern das größte Fragezeichen ist
Jetzt meine Einschätzung, nicht Fakt: Die Oberfläche eines CAD-Programms ist der leichtere Teil. Das Schwierige sitzt darunter im Geometriekern, der Verrundungen, Shells und boolesche Operationen auch in Grenzfällen sauber berechnen muss. Kommerzielle Programme setzen auf Kerne wie Parasolid, an denen seit Jahrzehnten gearbeitet wird. FreeCAD nutzt Open CASCADE und kämpft trotzdem bis heute mit bestimmten Fillet-Fällen.
SolidCraft baut auf truck auf, einer vergleichsweise jungen Rust-Bibliothek. Der abgelehnte 2-mm-Fillet ist genau das Symptom, das man an dieser Stelle erwarten würde. KI-Agenten können in kurzer Zeit erstaunlich viele Features umsetzen. Ob sie auch die zähe Detailarbeit an einem robusten Kern leisten, die bei anderen Projekten Jahre gedauert hat, muss SolidCraft erst noch zeigen.
Was bedeutet SolidCraft für KI-generierte Software?
Unabhängig vom Ergebnis ist SolidCraft ein spannendes Fallbeispiel. Zwei Wochen von null auf ein CAD-Programm mit Baugruppen, Blech und STEP-Export, das wäre vor Kurzem noch undenkbar gewesen. Gleichzeitig wirft das Projekt Fragen auf, die bei klassischen Open-Source-Projekten seltener im Raum stehen:
- Wartbarkeit: Wer versteht über 1.800 Commits Code wirklich im Detail, wenn ein Großteil davon generiert wurde? Und wer pflegt das Projekt, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt?
- Clean Room: Die Regel in der
CLAUDE.md, nichts von Fusion zu kopieren, ist sinnvoll. Wie gut sich so eine Vorgabe bei KI-Modellen durchsetzen lässt, die mit riesigen Mengen öffentlicher Inhalte trainiert wurden, ist aber eine offene Frage. - Tempo vs. Stabilität: Ein Release-Rhythmus von wenigen Tagen ist toll für neue Features und schlecht für alle, die ihre Dateien in drei Monaten noch öffnen wollen.
Am interessantesten finde ich ohnehin den MCP-Server. SolidCraft ist eines der ersten parametrischen CAD-Programme, das von Anfang an darauf ausgelegt ist, von KI-Agenten bedient zu werden. Du beschreibst ein Teil, der Agent baut es im Programm auf, und du bekommst ein echtes, editierbares Modell mit Feature-Historie statt eines starren STL-Netzes. Bisher war das eher eine Domäne von Code-CAD-Werkzeugen wie OpenSCAD oder CadQuery. Gelingt das dauerhaft, könnte genau das die Nische sein, in der SolidCraft unverzichtbar wird.
Für wen lohnt sich SolidCraft schon jetzt?
- Neugierige Maker: Für einfache Funktionsteile wie Halterungen, Adapter oder Abstandshalter für den 3D-Drucker reicht der Funktionsumfang. Die Browser-Version ist ideal zum Reinschnuppern.
- Linux-Nutzer: Fusion 360 gibt es für Linux nicht offiziell. Wer eine Fusion-ähnliche Bedienung sucht und mit FreeCAD nicht warm wird, sollte SolidCraft im Auge behalten.
- KI-Experimentierer: Wer mit Agenten und MCP arbeitet, findet hier eine der spannendsten Spielwiesen für KI-gestütztes Konstruieren.
- Nicht geeignet für: Auftragsarbeiten, Projekte mit CAM-Anbindung, komplexe Baugruppen und alles, was in einem Jahr noch zuverlässig funktionieren muss.
Pro-Tipp: Wenn du SolidCraft für eigene Teile nutzt, exportiere deine Konstruktionen regelmäßig zusätzlich als STEP. So bleibt die Geometrie nutzbar, auch wenn ein Formatwechsel ältere .solidcraft-Dateien unbrauchbar macht oder das Projekt irgendwann einschläft.
Fazit: beeindruckend, aber noch kein Werkzeug für den Alltag
SolidCraft ist das erste Open-Source-CAD seit Langem, das echte Aufbruchsstimmung erzeugt. Die Bedienung orientiert sich an Fusion, alles ist frei lizenziert, es läuft auf jeder Plattform inklusive Browser und hat eine KI-Schnittstelle, die es so sonst kaum gibt. Das ist eine starke Kombination.
Gleichzeitig ist SolidCraft heute vor allem ein Versprechen. Der Geometriekern ist jung, wichtige Werkzeuge fehlen und ob das Projekt nach dem Hype eine stabile Community findet, ist völlig offen. Für einfache Druckteile und zum Experimentieren kannst du es ohne Bedenken ausprobieren. Für alles Ernsthafte bleiben FreeCAD, Fusion 360 oder Onshape vorerst die sicherere Wahl. Ich behalte SolidCraft trotzdem im Blick, denn falls die nächsten Monate so laufen wie die ersten zwei Wochen, wird das hier nicht der letzte Artikel dazu sein.
Allerdings bleibt abzuwarten, wie Autodesk auf diesen sehr offensichtlichen Klon reagiert.
