Wann Liebeskummer zum Trauma wird – und wie Tetris helfen kann

Kaum etwas wirft einen emotional so aus der Bahn wie Liebeskummer. Trauer und Wut bestimmen den Alltag, man fühlt sich hilflos und im Stich gelassen – kaum jemand übersteht eine ungewollte Trennung unbeschadet. Der Trennungsschmerz ist für viele sogar schlimmer als eine körperliche Verletzung, so der Paartherapeut B. Bergmann: „Tatsächlich zeigt die Forschung, dass Menschen sogar körperliche Schmerzen der sozialen Ausgrenzung vorziehen. Anscheinend liegt dies daran, dass der soziale Verlust/die soziale Ablehnung den vorderen Singularkortex stärker aktiviert als die körperlichen Schmerzen.“ Kein Wunder also, dass für manche Menschen er Liebesverlust sogar einem Trauma gleichkommt.

„Wer Trauma hört, denkt erst einmal an Opfer von Gewalt und Kriminalität, an Menschen, die Naturkatastrophen, Krieg oder Terroranschläge überlebt haben. In der von mir geleiteten Ambulanz begegnete ich aber immer häufiger Patienten, die unter den gleichen körperlichen und psychischen Problemen litten wie diese Personen, obwohl sie keine derartigen Ereignisse durchlebt hatten. Sie waren lediglich von ihren Partnern verlassen worden.“ erklärt der Psychiater Günter H. Seidler.

Bei einem Trauma handelt es sich um eine seelische Verletzung, die durch ein Ereignis hervorgerufen wird, dem man sich hilflos ausgeliefert fühlt. “Eine Trennung kann also ein Trauma nach sich ziehen, wenn sie als Vernichtungsereignis wahrgenommen wird. ” so Seidler. Aber was hat Tetris damit zu tun?

Tetris hilft Patienten mit PTBS

Mehrere Studien haben bereits gezeigt, dass das beliebte Computerspiel Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) dabei helfen kann, die Erinnerung an traumatische Ereignisse zu verdrängen. Zwar wird die PTBS damit nicht auf wundersame Weise geheilt – ein gezielter Einsatz des Computerspiels kann jedoch dabei helfen, die Symptome zu lindern.

Denn ein wichtiges Symptom der Belastungsstörung ist das unwillkürliche Wiederkehren von bildhaften Erinnerungen an traumatische Ereignisse, die sogenannten Flashbacks. Forscher aus Schweden und Großbritannien konnten vor einigen Jahren nachweisen, dass sich diese Flashbacks bei Opfern von Unfällen und Katastrophen abmildern lassen, sofern diese innerhalb von sechs Stunden nach dem traumatischen Ereignis eine halbe Stunde Tetris spielen. Doch inwiefern hilft das gezielte Zocken bei Patienten, deren Trauma schon länger zurückliegt – zum Beispiel bei einer besonders schmerzhaften Trennung? Diese Frage untersucht jetzt das Forscherteam um Professor Dr. Henrik Kessler von der Ruhr-Universität in Bochum.

Belastende Erinnerungen werden weniger

20 Patienten nahmen an der Studie teil, alle waren zwecks einer Behandlung einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung in der Klinik. Neben den üblichen Einzel- und Gruppentherapien absolvierten die Probanden einmal wöchentlich eine spezielle Intervention: sie schrieben eine belastende Erinnerung auf ein Blatt Papier, ohne über den Inhalt zu sprechen, bevor sie sie zerrissen – und eine Runde Tetris spielten.

In den Wochen nach Einführung der Intervention verringerte sich die Häufigkeit der Flashbacks, die vor dem Spielen niedergeschrieben wurden, erheblich. Flashbackinhalte, welche nicht vor dem Zocken fokussiert wurden, traten hingegen weiterhin mit konstanter Häufigkeit aus. So konnten über mehrere Wochen verschiedene traumatische Erinnerungen nacheinander abgearbeitet werden, bis sie insgesamt deutlich seltener auftraten. Die Anzahl der Flashbacks, welche mit dem Computerspielklassiker behandelt wurden, konnte so um 64 Prozent reduziert werden, Situationen, die vor dem Spielen nicht fokussiert wurden, immerhin um 11 Prozent. 16 der 20 Teilnehmer sprachen sehr gut auf die Intervention an, berichten die Wissenschaftler im »Journal of Consulting and Clinical Psychology«.

Interferenz und Gedächtniskonsolidierung

Die Forscher vermuten, dass sich die Methode vor allem wegen Prinzipien der Gedächtniskonsolidierung und der Interferenz als erfolgreich erweist. Rufen sich die Patienten belastende Erinnerungen im Detail ins Gedächtnis, werden Gebiete im Gehirn aktiviert, welche für die räumlich-bildliche Verarbeitung verantwortlich sind – dieselben Bereiche, welche auch für das Spielen von Tetris von Bedeutung sind. Wenn also gleichzeitig gespielt und die Erinnerung generiert wird, werden die gleichen Ressourcen genutzt und es kommt zur Interferenz. So kann die Gedächtnisspur abgeschwächt gespeichert werden, also eine Gedächtniskonsolidierung stattfinden. Eine neue Studie soll nun untersuchen, ob diese Art der Traumabewältigung auch bei Trennungen effektiv ist.

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