Stell dir vor, du willst dir einen neuen Laptop kaufen und plötzlich sind zwei der größten Hersteller vom deutschen Markt verschwunden. Genau das ist gerade Realität geworden. Acer und Asus dürfen in Deutschland keine Notebooks und Desktop-Computer mehr verkaufen. Der Grund? Ein erbitterter Patentstreit mit Nokia, der jetzt vor dem Landgericht München I zu einer drastischen Entscheidung geführt hat. Für dich als Käufer bedeutet das: Deine Auswahlmöglichkeiten beim nächsten PC-Kauf könnten erheblich eingeschränkt sein.
Gerichtsentscheidung zwingt Hersteller zum Handeln

Am 22. Januar 2026 fällte das Landgericht München I ein Urteil, das die Hardware-Branche aufhorchen lässt. Die Richter der 7. Zivilkammer unter Vorsitz von Oliver Schön entschieden, dass sowohl Acer als auch Asus gegen Patentrechte von Nokia verstoßen haben. Die beiden taiwanischen Computerhersteller müssen deshalb den Vertrieb ihrer Laptops und Desktop-PCs in Deutschland mit sofortiger Wirkung einstellen.
Das betroffene Urteil trägt das Aktenzeichen 7 O 4100/25 für Acer und 7 O 4102/25 für Asus. Wer gegen diese gerichtliche Anordnung verstößt, dem drohen empfindliche Strafen: Ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro oder alternativ eine Ordnungshaft von bis zu sechs Monaten sind möglich.
Worum geht es in dem Patentstreit?
Im Kern dreht sich der Rechtsstreit um Technologien zur Videokodierung. Nokia hatte bereits im Frühjahr 2025 Patentansprüche gegen gleich drei Hersteller geltend gemacht: Neben Acer und Asus war auch der chinesische TV-Hersteller Hisense betroffen. Alle drei Unternehmen sollen laut Nokia gegen insgesamt drei Patente zur Video-Codierung verstoßen haben.
Besonders brisant ist das Patent EP2661892, das eine Methode zur effizienten Codierung von h.265-Videos beschreibt. Dieser auch als HEVC (High Efficiency Video Coding) bekannte Standard ist in praktisch jedem modernen Computer, Laptop, Smartphone und Smart-TV verbaut. Die Technologie ermöglicht es, hochauflösende Videos in hoher Qualität zu streamen, ohne dabei riesige Datenmengen übertragen zu müssen.
Nokia hat seit dem Jahr 2000 über 150 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert und hält heute eine der umfangreichsten Patentportfolios in der Telekommunikations- und Videokompressionsbranche. Das Unternehmen war maßgeblich an der Entwicklung der Videocodecs H.264/AVC, H.265/HEVC und H.266/VVC beteiligt.
Unterschiedliche Reaktionen der betroffenen Hersteller
Während Hisense sich für eine pragmatische Lösung entschied und im Januar 2025 eine Lizenzvereinbarung mit Nokia schloss, gehen Acer und Asus einen anderen Weg. Beide Hersteller fechten das Münchner Urteil an und wollen Berufung einlegen.
Acer bestätigte gegenüber der Presse, dass man die eigenen Vertriebsmaßnahmen in Deutschland vorübergehend einstellen musste. Gleichzeitig prüfe das Unternehmen weitere rechtliche Mittel, um schnellstmöglich eine faire Lösung zu erreichen. Interessanterweise bereitet Acer auch eine eigene Gegenklage gegen Nokia vor. Dabei geht es um die Nutzung drahtloser Kommunikationstechnologien, bei denen Acer offenbar Nokia Patentverletzungen vorwirft.
In einem offiziellen Statement betonte Acer, dass man geistiges Eigentum anderer Unternehmen respektiere. Zahlreiche andere Produktkategorien wie Monitore, Router, E-Scooter und diverses Zubehör bleiben vom Urteil unberührt und können weiterhin verkauft werden. Lediglich Laptops und Desktop-PCs sind von dem Verkaufsverbot betroffen.
Webshop bereits offline – erste Auswirkungen sichtbar
Die Konsequenzen des Urteils zeigen sich bereits deutlich im Netz. Der offizielle Onlineshop von Acer Deutschland ist derzeit nicht erreichbar. Statt des gewohnten Produktangebots erscheint lediglich ein Hinweis auf Wartungsarbeiten. Hinter den Kulissen arbeitet das Unternehmen daran, die Website an die gerichtlichen Vorgaben anzupassen und alle betroffenen Produkte aus dem Sortiment zu entfernen.
Nach Abschluss dieser Überarbeitung werden im deutschen Acer-Shop voraussichtlich nur noch Monitore und Zubehörprodukte erhältlich sein. Die komplette Kategorie der Notebooks und Desktop-Komponenten fällt weg – zumindest solange der Rechtsstreit andauert.
Auch bei Asus ist die Lage unklar. Das Unternehmen hat sich bisher noch nicht öffentlich dazu geäußert, wann oder ob der Vertrieb von Laptops und Desktop-PCs in Deutschland eingestellt wird. Es ist jedoch davon auszugehen, dass auch Asus dem gerichtlichen Urteil nachkommen und den Verkauf einstellen muss.
Was bedeutet das für dich als Käufer?
Wenn du in nächster Zeit einen neuen Laptop oder Desktop-PC kaufen möchtest, könnte das zum Problem werden – jedenfalls wenn deine Wahl auf Acer oder Asus fallen sollte. Beide Marken gehören zu den beliebtesten Hardware-Herstellern in Deutschland und haben einen erheblichen Marktanteil.
Momentan kannst du zwar noch auf Drittanbieter wie Amazon, MediaMarkt oder andere Online-Händler ausweichen. Dort sind viele Modelle der beiden Hersteller noch verfügbar, solange die Lagerbestände reichen. Wie lange diese Verkaufsmöglichkeit bestehen bleibt, ist allerdings völlig unklar. Theoretisch könnten auch diese Händler vom Verkaufsverbot betroffen werden, wenn sie Geräte anbieten, die gegen die Nokia-Patente verstoßen.
Für die Distribution und den Fachhandel bedeutet die Situation erhebliche wirtschaftliche Unsicherheit. Mit jedem Tag, an dem der Verkaufsstopp andauert, wächst der finanzielle Schaden. Händler und Distributoren warten dringend auf Informationen, wie es weitergehen soll.
Nokia als serielle Patent-Kläger: Eine etablierte Strategie
Dieser Fall ist keineswegs ein Einzelfall. Nokia hat sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als konsequenter Verteidiger seiner Patentrechte erarbeitet – Kritiker sprechen sogar von einem „Patent-Troll“. Tatsächlich verfolgt das finnische Unternehmen eine klare Lizenzierungsstrategie und geht regelmäßig gerichtlich gegen Firmen vor, die Nokia-Technologien nutzen, ohne dafür zu bezahlen.
Ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt ein Muster ähnlicher Fälle:
Im September 2024 musste Amazon nach einem verlorenen Patentstreit seine Fire-TV-Sticks technisch anpassen. Ein späteres Urteil aus dem Jahr 2025 betraf sogar die gesamte Plattform Prime Video und zwang Amazon zu weiteren Modifikationen.
Bereits 2023 erwirkte Nokia einen deutschlandweiten Verkaufsstopp für Smartphones der Marken OnePlus und Oppo. Auch hier ging es um Patentverletzungen bei der Videocodierung und Mobilfunktechnologie.
Im Jahr 2019 verklagte Nokia sogar den Autohersteller Daimler. Der Grund waren Mobilfunktechnologien, die in bestimmten Fahrzeugmodellen verbaut wurden. Dieser Fall verdeutlicht, wie weitreichend Nokias Patentportfolio ist und dass die Technologien in den unterschiedlichsten Produkten zum Einsatz kommen.
Auch Lenovo war 2024 betroffen. Nach einem Patentstreit mit InterDigital konnte der Hersteller über mehrere Wochen keine Notebooks und Motorola-Smartphones ausliefern.
Internationale Dimension des Rechtsstreits
Der Konflikt zwischen Nokia und den PC-Herstellern beschränkt sich nicht auf Deutschland. Parallel zum deutschen Verfahren haben Acer und Asus auch vor britischen Gerichten eine Entscheidung über angemessene Lizenzgebühren beantragt. Im Dezember 2025 gewährte das britische High Court unter Richter James Mellor den beiden Unternehmen eine vorläufige Lizenz.
Das Gericht legte dabei eine Zwischenlizenzgebühr von 0,365 US-Dollar pro Gerät fest – ein Kompromiss zwischen Nokias Forderung von 0,69 US-Dollar und dem Angebot von Acer und Asus in Höhe von nur 0,03 US-Dollar pro Gerät. Interessanterweise ist ein Anteil von 0,03 US-Dollar davon nicht rückzahlbar, was faktisch dem Angebot der Hersteller entspricht.
Auch in den USA, Brasilien und Indien laufen Verfahren. Nokia hat dort ebenfalls Klagen gegen Acer und Asus eingereicht und wirft den Unternehmen vor, standardessentielle Patente (SEPs) für Video-Streaming zu verletzen. Acer kontert mittlerweile mit eigenen Klagen und wirft Nokia in Deutschland und anderen Ländern Verstöße gegen 4G-Patente vor.
FRAND-Prinzip: Der Kern der Auseinandersetzung
Im Zentrum des Streits steht die Frage nach fairen und angemessenen Lizenzgebühren. Wenn Unternehmen wie Nokia ihre Patente in internationale Standards wie H.265/HEVC einbringen, verpflichten sie sich gegenüber den Standardisierungsorganisationen (in diesem Fall die ITU), diese Patente nach dem FRAND-Prinzip zu lizenzieren.
FRAND steht für „Fair, Reasonable and Non-Discriminatory“ (fair, angemessen und nicht diskriminierend). Das bedeutet, dass Nokia seine Patente grundsätzlich jedem zu fairen Bedingungen zur Verfügung stellen muss. Was genau „fair“ und „angemessen“ bedeutet, ist jedoch oft Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen.
Nokia argumentiert, dass das Unternehmen seit 2000 über 150 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert habe und diese Investitionen durch Lizenzeinnahmen refinanziert werden müssten. Nur so könne auch zukünftig in neue Technologien investiert werden. Seit 2017 hat Nokia nach eigenen Angaben über 250 Patentlizenzvereinbarungen abgeschlossen oder verlängert – die meisten davon auf gütlichem Weg.
Die betroffenen Hersteller hingegen fühlen sich unter Druck gesetzt. Sie werfen Nokia vor, überhöhte Lizenzgebühren zu verlangen und die Abhängigkeit der Industrie von standardessentiellen Patenten auszunutzen. Die Computerhersteller argumentieren, dass sie die patentierten Technologien gar nicht umgehen können, da diese fest in internationale Standards eingebaut sind, die sie verwenden müssen.
Wie geht es weiter? Ausblick und Prognosen
Aktuell ist schwer abzuschätzen, wie lange der Verkaufsstopp andauern wird. Beide Hersteller haben angekündigt, Berufung gegen das Münchner Urteil einzulegen. Solche Verfahren können sich jedoch über Monate oder sogar Jahre hinziehen.
Drei Szenarien sind denkbar:
Lizenzvereinbarung: Acer und Asus könnten dem Beispiel von Hisense folgen und eine Lizenzvereinbarung mit Nokia schließen. Dann könnten die Geräte wieder verkauft werden, allerdings zu höheren Stückkosten durch die Lizenzgebühren. Diese Kosten würden wahrscheinlich teilweise an dich als Endkunden weitergegeben.
Berufungserfolg: Sollten die Hersteller in der Berufung erfolgreich sein, könnte das Verkaufsverbot aufgehoben werden. Die Chancen dafür sind schwer einzuschätzen, da das Landgericht München I für seine gründliche Vorbereitung bekannt ist.
Technische Anpassung: Eine weitere Möglichkeit wäre, dass Acer und Asus ihre Produkte technisch so verändern, dass sie die strittigen Nokia-Patente nicht mehr nutzen. Einige Hersteller wie HP und Dell haben bereits Ende 2025 die HEVC-Unterstützung auf manchen Laptops per BIOS-Update deaktiviert, obwohl die Prozessoren grundsätzlich über die entsprechenden Hardware-Dekodierungsfunktionen verfügen. Eine solche Lösung wäre jedoch technisch problematisch, da moderne Video-Standards kaum noch zu umgehen sind.
Auswirkungen auf den Markt
Der Verkaufsstopp von Acer und Asus könnte den deutschen PC-Markt nachhaltig verändern. Beide Hersteller haben zusammen einen erheblichen Marktanteil, insbesondere im preissensitiven Segment. Ihr Wegfall könnte zu Preiserhöhungen bei anderen Herstellern führen, da weniger Wettbewerb herrscht.
Für dich als Verbraucher bedeutet das möglicherweise höhere Preise und eine geringere Produktauswahl. Wenn du aktuell mit dem Gedanken spielst, dir ein Gerät von Acer oder Asus zu kaufen, solltest du dich beeilen und noch auf die verfügbaren Restbestände zugreifen.
Händler und Distributoren stehen vor erheblichen Herausforderungen. Viele haben größere Lagerbestände aufgebaut, die sie nun möglicherweise nicht mehr verkaufen dürfen. Der wirtschaftliche Schaden wächst mit jedem Tag, an dem der Status unklar bleibt.
Fazit: Ein Präzedenzfall mit weitreichenden Folgen
Der Verkaufsstopp für Acer und Asus in Deutschland zeigt eindrücklich, welche Macht Patentrechte in der Technologiebranche haben. Nokia nutzt sein umfangreiches Patentportfolio konsequent, um Lizenzeinnahmen zu generieren – eine Strategie, die sowohl verteidigt als auch kritisiert werden kann.
Für die Computerindustrie wirft der Fall grundsätzliche Fragen auf: Wie soll mit standardessentiellen Patenten umgegangen werden? Wo liegen die Grenzen fairer Lizenzgebühren? Und wie kann verhindert werden, dass einzelne Patentinhaber zu viel Einfluss auf ganze Branchen bekommen?
Auch wenn die rechtliche Auseinandersetzung noch lange nicht vorbei ist, steht fest: Als Käufer solltest du die Entwicklung im Auge behalten. Der deutsche PC-Markt könnte sich in den kommenden Monaten deutlich verändern – und das betrifft nicht nur Acer und Asus. Weitere Hersteller könnten folgen, wenn Nokia seine Patent-Offensive fortsetzt.
Eines zeigt der Fall auch: Die kleinen Nokia-Handys von früher sind längst Geschichte. Heute ist Nokia ein Technologiekonzern, der mit seinem Patentportfolio mehr Geld verdient als je zuvor mit Mobiltelefonen. Ob das der richtige Weg ist, darüber lässt sich streiten. Unbestritten ist aber, dass Nokia die Spielregeln des Marktes ausnutzt – und die Gerichte ihm dabei überwiegend Recht geben.
