Ich habe lange gedacht, mein Navi hätte im Tunnel einfach Glück. Kein Satellitenempfang, und trotzdem rutscht der Pfeil weiter, sagt die Ausfahrt korrekt an und liegt am Ausgang wieder richtig. Das ist kein Glück, sondern ein Rechentrick, der älter ist als GPS.
Das Prinzip heißt Koppelnavigation
Die Idee ist simpel: Wer weiß, wo er gestartet ist, in welche Richtung er fährt und wie schnell, kann seine Position fortlaufend ausrechnen – ohne jede Peilung von außen. Wikipedia beschreibt Koppelnavigation als die laufende näherungsweise Ortsbestimmung eines bewegten Objekts aus Kurs und Geschwindigkeit. In der Seefahrt wird dafür ein Kompass und ein Log benutzt, in der Luftfahrt ein Fahrtmesser.
Das Entscheidende an diesem Verfahren ist seine Schwäche: Der Fehler summiert sich mit der gefahrenen Strecke. Wikipedia nennt für günstige Bedingungen einen Messfehler unter fünf Prozent der Wegstrecke und empfiehlt, sobald möglich einen neuen Ausgangspunkt per Astronavigation oder Funk zu bestimmen.
Genau das macht dein Auto. Die Seite beschreibt das Verfahren für Schiffe und Flugzeuge, nicht für Autos – aber die Übertragung liegt auf der Hand, und im Fahrzeug sind die Eingangsgrößen sogar besser: Raddrehzahlsensoren liefern die Geschwindigkeit, ein Gierratensensor die Drehung um die Hochachse. Beides steckt für das ESP ohnehin im Auto.
Warum es beim Handy schlechter funktioniert
Ein Smartphone hat keinen Zugriff auf Raddrehzahlen. Es hat Beschleunigungssensor, Gyroskop und Kompass – und damit nur eine viel gröbere Schätzung. Deshalb bleibt die Handy-Navigation im Tunnel oft stehen, springt, oder zeigt dich fünfhundert Meter zu früh an der Ausfahrt. Bei langen Tunneln fällt sie regelmäßig komplett aus.
Was tatsächlich hilft, sind vier unspektakuläre Dinge:
- Route vorher offline laden, damit die App nicht zusätzlich auf eine Datenverbindung wartet.
- Handy an die Windschutzscheibe, nicht in die Mittelkonsole. Unter Metall findet es die Satelliten nach dem Tunnel langsamer wieder.
- Metallbedampfte Scheiben beachten – manche Fahrzeuge haben ein ausgespartes Feld für Sensoren, genau dort gehört die Halterung hin.
- Den Spurassistenten der App ignorieren, solange die Position noch springt. Die Ansage kommt aus der Karte, die Position aus der Schätzung.
Ein fest eingebautes Navigationssystem hat hier einen Vorteil, der sich nicht nachrüsten lässt: Es liest die Fahrzeugsensorik direkt aus. Deshalb liegt es im Tunnel meterweit genauer als jede App auf demselben Smartphone.
Der Nebeneffekt bei Tiefgaragen
Beim Verlassen einer mehrstöckigen Tiefgarage hat die Koppelnavigation ein Problem, das im Tunnel nicht auftritt: viele enge Kurven auf kleinem Raum. Jede Kurve bringt einen kleinen Winkelfehler, und die addieren sich. Deshalb glaubt das Navi an der Ausfahrt manchmal, du stehst in der Parallelstraße.
Kurz anhalten, bis die Satellitenposition wieder sitzt, löst das in zehn Sekunden. Wer sein Cockpit ohnehin modernisiert, bekommt mit den Nachrüstlösungen übrigens nur die Software dazu, nicht die Fahrzeugsensorik.Und wie viel Technik an der Satellitenposition künftig noch hängen soll, zeigt der Beitrag zur EU-Satellitenbremse.
