Mein erster TPU-Druck war ein Handyhalter fürs Fahrrad. Nach 40 Minuten stand der Drucker, das Filament hatte sich im Extruder zu einer Art Korkenzieher verknotet, und ich habe eine Stunde mit einer Pinzette im Antriebsrad gepult. Zwei Tage später lief die gleiche Datei fehlerfrei durch – ohne dass ich am Drucker etwas Neues eingebaut hatte. Nur ein paar Zahlen im Slicer und ein besserer Filamentweg.
Genau das ist der Punkt: TPU drucken ist nicht schwer, weil das Material so exotisch ist. Es ist schwer, weil praktisch jeder FDM-Drucker mechanisch für steifes Filament gebaut ist – und TPU ist eben nicht steif. In diesem Artikel zerlege ich, woran es wirklich hakt, welche Einstellungen den Unterschied machen, und warum du beim Elegoo Centauri Carbon 2 erst ein Bauteil drucken musst, bevor du überhaupt anfangen kannst.

Was TPU eigentlich ist – und warum das alles erklärt
TPU steht für thermoplastisches Polyurethan. Es ist ein Elastomer, das sich wie ein Thermoplast verarbeiten lässt: Man kann es aufschmelzen, extrudieren und abkühlen lassen – aber das fertige Teil bleibt gummiartig, reißfest und abriebfest. Deshalb landet flexibles Filament dort, wo starre Kunststoffe versagen: Dichtungen, Stoßdämpfer, Griffe, Schutzhüllen, Rollen, Vibrationsentkopplung.
Die entscheidende Kennzahl ist die Shore-Härte. TPU 95A ist ungefähr so nachgiebig wie eine Schuhsohle. TPU 85A eher wie ein Radiergummi, 70A wie ein Gummiband. Und mit jeder Stufe nach unten wird der Druck spürbar zickiger – das ist kein linearer Zusammenhang, zwischen 95A und 85A liegen druckpraktisch Welten.
Wenn du dich zum ersten Mal an flexibles Filament wagst, ist die Materialwahl deshalb schon die halbe Miete: Nimm TPU 95A. Es ist mit Abstand am gutmütigsten, für Griffe, Dichtungen und Schutzhüllen flexibel genug und verzeiht Einstellungsfehler deutlich eher als 85A oder 70A. Die weicheren Sorten sind kein Anfängerprojekt.
Das Kernproblem: Der Extruder schiebt eine Feder

Ein Extruder funktioniert nach einem simplen Prinzip: Zwei Antriebsräder schieben einen steifen Stab in die Düse. Bei PLA überträgt sich diese Kraft nahezu verlustfrei – vorne kommt raus, was hinten reingeschoben wird, mit minimaler Verzögerung.
TPU verhält sich stattdessen wie eine Druckfeder. Es staucht sich zusammen, speichert die Energie und gibt sie zeitversetzt wieder ab. Aus dieser einen Eigenschaft folgt fast alles, was beim flexiblen Filament drucken schiefgeht.
1. Knicken im Filamentweg
Überall dort, wo das Filament nicht seitlich geführt ist – typischerweise im Spalt zwischen Antriebsrad und Hotend-Eingang – weicht TPU unter Druck zur Seite aus. Es knickt aus, wickelt sich um das Zahnrad und blockiert den Extruder. Das ist der klassische TPU-Jam, und er passiert nicht bei zu wenig Kraft, sondern bei zu viel.
Wenn dein Extruder also reproduzierbar an derselben Stelle dichtmacht, ist das keine Materialmarotte, sondern eine Lücke im Filamentweg. Abhilfe: Geschwindigkeit runter, Anpressdruck korrekt einstellen und den Pfad mit passgenauem PTFE schließen – idealerweise mit 2,5 mm Innendurchmesser statt der üblichen weiteren Schläuche.
Aus demselben Grund ist ein Direct-Drive-Extruder bei TPU praktisch Pflicht: 40 Zentimeter Bowden-Schlauch zwischen Antrieb und Düse sind schlicht 40 Zentimeter Feder. Zwingend ist Direct Drive nicht – TPU 95A lässt sich auf einem gut abgestimmten Bowden-Drucker mit sehr niedrigem Tempo durchaus verarbeiten. Aber alles unterhalb von 95A ist mit Bowden kaum noch sinnvoll beherrschbar, und selbst bei 95A ist die Extrusion träge und schwer zu kalibrieren.
2. Retraction funktioniert nicht wie gewohnt
Ein Rückzug soll den Druck in der Düse abbauen, damit beim Verfahren nichts nachläuft. Bei TPU entspannt der Rückzug erst einmal nur die gestauchte „Feder“ im Filamentweg. Bis tatsächlich Material aus der Schmelzkammer zurückgezogen wird, ist der Druckkopf längst am nächsten Punkt. Ergebnis: Stringing, Nasen, Blobs.
Die Lösung ist kontraintuitiv – weniger Retraction, nicht mehr. Bei Direct Drive fahre ich mit 0,4 bis 0,8 mm und moderater Rückzugsgeschwindigkeit. Wer den Weg mit 5 mm brachial zurückziehen will, erzeugt vor allem Unterextrusion am Linienanfang. Sauberer wird das Ergebnis über eine saubere Pressure-Advance-Kalibrierung im Orca Slicer, die genau diese Druckverzögerung kompensiert.
3. Der Anpressdruck hat ein winziges Fenster
Zu locker: Die Räder drehen durch, es fehlt Material. Zu fest: Das weiche Filament wird plattgedrückt, ändert seinen Durchmesser und passt nicht mehr sauber in die Führung. Bei PLA ist dieses Fenster großzügig, bei TPU ist es schmal – und bei 85A und weicher wird es zur Millimeterarbeit.
Baustelle Nummer zwei: TPU zieht Wasser wie ein Schwamm
TPU ist ausgeprägt hygroskopisch – deutlich stärker als PLA, in der Praxis auf einem Niveau mit Nylon. Eine offen gelagerte Rolle kann schon nach ein bis zwei Tagen genug Feuchtigkeit gezogen haben, dass es beim Druck knistert und knackt. Das Wasser verdampft in der Düse, reißt Blasen in den Strang und hinterlässt raue, matte, schwache Oberflächen.
Bei TPU ist Trocknen deshalb keine Kür, sondern Teil des Workflows. Rund 50 °C für vier bis sechs Stunden, danach direkt aus der Trockenbox heraus drucken. Wie ich das konkret mache und worauf man bei der Temperatur achten muss, habe ich in meiner Anleitung zum Filament trocknen ausführlich beschrieben.
Vor jedem Druck trocknen musst du deswegen nicht – aber nach jeder offenen Lagerung. Wer die Rolle luftdicht mit Trockenmittel aufbewahrt oder direkt aus der Trockenbox druckt, kann sich den Schritt in der Regel sparen.
Kleiner Realitätscheck: Sehr viele „mein TPU druckt plötzlich schlecht“-Fälle in Foren sind schlicht feuchtes Filament. Bevor du Einstellungen änderst, trockne die Rolle. Das spart Stunden.
Tempo, Kühlung, Betthaftung: die unterschätzten Details
Geschwindigkeit. 15 bis 30 mm/s sind der Bereich, in dem TPU zuverlässig läuft. Der Grund ist wieder die Feder: Höheres Tempo bedeutet mehr Druck im Hotend, mehr Druck bedeutet mehr Stauchung im Filamentweg – und ab einem gewissen Punkt kippt das System in den Jam. Ein Drucker, der 500 mm/s kann, hilft dir bei TPU exakt null.
Kühlung. Hier scheiden sich die Geister. Wenig bis gar keine Kühlung verbessert die Schichthaftung deutlich, viel Kühlung reduziert Stringing. Ich starte bei 30 bis 50 Prozent und passe nach dem ersten Testdruck an – bei Funktionsteilen, die belastet werden, eher weniger.
Betthaftung. Das Problem ist bei TPU nicht zu wenig, sondern zu viel Haftung. Auf glattem PEI kann TPU sich derart verkrallen, dass beim Ablösen die Beschichtung mitgeht. Eine strukturierte PEI-Platte, eine dünne Schicht Klebestift als Trennmittel oder ein Bett bei nur 40 bis 50 °C entschärfen das zuverlässig. Wenn ein Teil festsitzt: Betttemperatur senken und die Platte vollständig auskühlen lassen, statt mit dem Spachtel Gewalt anzuwenden.
Stützen und Überhänge. Brücken hängen bei TPU stärker durch als bei PLA, und Stützmaterial lässt sich aus einem gummiartigen Teil kaum sauber entfernen – es reißt eher das Bauteil ein. Bei flexiblen Teilen lohnt es sich fast immer, die Geometrie stützfrei zu konstruieren, statt später zu fummeln.
Meine Startwerte für TPU 95A
Das sind bewusst konservative Werte, mit denen praktisch jeder Direct-Drive-Drucker durchkommt. Von hier aus optimierst du in kleinen Schritten nach oben – aber immer nur einen Parameter pro Testdruck.
- Düsentemperatur: 225 bis 235 °C. Stark herstellerabhängig – das Datenblatt der Rolle schlägt jede Faustregel.
- Betttemperatur: 40 bis 50 °C. Höher bedeutet stärkere Haftung und damit ein Ablöseproblem, kein Haftungsproblem.
- Druckgeschwindigkeit: 20 mm/s. Außenwände fahre ich eher mit 15 mm/s.
- Retraction-Weg (Direct Drive): 0,4 bis 0,8 mm. Bei Stringing lieber Pressure Advance justieren, als den Weg zu erhöhen.
- Retraction-Geschwindigkeit: 20 bis 25 mm/s. Nicht brachial zurückziehen – das erzeugt nur Unterextrusion am Linienanfang.
- Flow / Extrusionsmultiplikator: 1,00 bis 1,05. TPU neigt eher zur Unter- als zur Überextrusion.
- Bauteillüfter: 30 bis 50 Prozent. Weniger Kühlung bedeutet bessere Schichthaftung, mehr Kühlung weniger Stringing.
- Schichthöhe: 0,2 mm. Dünnere Schichten erhöhen den Düsendruck unnötig und provozieren genau das Stauchen, das du vermeiden willst.
- Trocknung vorab: 50 °C für 4 bis 6 Stunden. Nicht optional.
Wenn dabei trotzdem etwas schiefläuft, hilft die systematische Fehlersuche: Viele TPU-Symptome sehen aus wie bekannte Standardprobleme. Meine Übersicht zu typischen 3D-Druck-Fehlern und ihren Ursachen lässt sich fast eins zu eins übertragen.
Sonderfall Elegoo Centauri Carbon 2: erst der Adapter, dann das TPU

Jetzt wird es spezifisch, weil ich diese Frage im Blog und in Foren inzwischen häufiger lese als jede andere: Kann der Elegoo Centauri Carbon 2 TPU? Ja – aber nicht einfach so.
Die gute Nachricht zuerst. Der CC2 bringt die richtigen Voraussetzungen mit: einen Direct-Drive-Extruder mit doppeltem Zahnradantrieb, ein Hotend mit gehärteter Stahldüse für bis zu 350 °C und einen geschlossenen Bauraum. Das ist genau die Hardware-Basis, auf der flexibles Filament laufen sollte. Meine Einschätzung zum Drucker insgesamt findest du im ausführlichen Test des Elegoo Centauri Carbon 2 Combo.
Warum CANVAS und TPU sich nicht vertragen
Das Problem ist nicht der Extruder, sondern der Weg dorthin. Beim Combo-Modell sitzt die CANVAS-Einheit davor – der Vierfach-Filamentwechsler für Mehrfarbdruck. Filament läuft dort durch Umlenkungen, einen Splitter und einen langen PTFE-Pfad bis zum Druckkopf. Für steifes PLA ist das kein Problem. Für TPU ist es die Definition eines Albtraums: viel Strecke, viele Übergänge, viele Stellen zum Ausknicken.
Elegoo sagt das selbst klar: TPU gehört nicht in den normalen Vierkanal-CANVAS-Workflow. Stattdessen gibt es einen eigenen Flex-Workflow mit separater PTFE-Führung – inklusive dem Hinweis, vor dem Druck das CANVAS-Kommunikationskabel zu trennen, damit die Einheit sich nicht einmischt.
Der Adapter, den du dir selbst druckst
Und hier kommt die Pointe, die neue Besitzer regelmäßig überrascht: Der offizielle Flex-Adapter liegt nicht bei. Er ist ein STL-Download, den du erst einmal ausdruckst. Elegoo stellt den Flexible Filament Printing Adapter für den Centauri Carbon 2 Combo über Elegoo Lab kostenlos bereit.
Funktional ist das Teil ein T-Stück mit zwei PTFE-Anschlüssen: Ein längeres Rohr geht an CANVAS-Kanal 1, ein kurzes Stück nach unten bildet den direkten Einlass. Für den TPU-Druck steckst du das Filament unten ein, umgehst damit die Wechselmechanik und verkürzt den kritischen Pfad radikal. Für Mehrfarbdruck bleibt alles wie gehabt – der Adapter darf montiert bleiben.
Der Haken an der offiziellen Lösung: Man muss PTFE-Schläuche abziehen, die obere Abdeckung demontieren und den Adapter dort fixieren – und die Abdeckung kann während des Drucks nicht montiert bleiben. Genau daran hat sich die Community abgearbeitet.
Die Community-Varianten sind teilweise besser
- Cover mit integriertem Splitter: Der TPU-Fix-Adapter von Fish_89 auf Printables ersetzt den äußeren Teil der oberen Abdeckung durch ein gedrucktes Bauteil mit eingebautem Splitter. CANVAS-Kanal 4 bleibt nutzbar, daneben gibt es einen dedizierten externen Eingang für TPU. Wichtig: Der Designer empfiehlt PETG statt PLA, weil das Teil im warmen Bauraum sitzt.
- Bypass mit Spulenhalter: Der CANVAS-Bypass inklusive Spulenhalter für den CC2 kombiniert den Umgehungspfad direkt mit einer externen Rollenaufnahme. Das ist aus meiner Sicht der praktikabelste Weg, weil der zweite Teil des Problems dabei gleich mit erledigt wird.
Warum der Spulenhalter so wichtig ist: TPU hat kaum Rückstellkraft. Eine schwergängige Rolle, die das Filament nicht leicht abgibt, erzeugt Zugkraft im Pfad – und weil TPU dehnbar ist, merkt der Extruder das erst, wenn schon Material fehlt. Die Rolle muss frei laufen und möglichst nah am Einlass sitzen.
Und beim CC2 ohne Combo?
Hier trenne ich sauber zwischen Fakt und Erfahrung: Bestätigt ist, dass der beschriebene Adapter-Workflow das offizielle Verfahren für die Combo-Variante mit CANVAS ist. Ohne CANVAS entfällt die Wechselmechanik, und der Pfad von der Rolle zum Direct-Drive-Extruder ist deutlich kürzer. Meine Erfahrung: TPU 95A läuft dort mit den oben genannten Werten ohne Umbau. Bei 85A und weicher würde ich trotzdem einen möglichst kurzen, frei laufenden externen Filamentweg bauen – der Aufwand ist eine Stunde, der Unterschied ist erheblich.
Die vier häufigsten Fehlerbilder – und was dahintersteckt
- Extruder klickt, es kommt kein Material: Das Filament ist im Extruder ausgeknickt. Tempo runter, Anpressdruck prüfen, Filamentweg schließen.
- Massives Stringing zwischen Türmen: Feuchtigkeit oder zu aggressive Retraction. Erst trocknen, dann Retraction reduzieren, dann Pressure Advance kalibrieren.
- Knistern und poröse Oberfläche: Eindeutig Wasser im Filament. Kein Einstellungsproblem – hier hilft ausschließlich Trocknen.
- Teil lässt sich nicht vom Bett lösen: Betttemperatur senken, strukturierte Platte oder Trennmittel verwenden, Platte auskühlen lassen.
Fazit: TPU ist kein Hexenwerk, aber es verzeiht nichts
Der größte Einzelhebel beim TPU drucken ist nicht der Slicer, sondern die Shore-Härte. TPU 95A verhält sich wie ein etwas launisches PETG – wer damit anfängt, hat den Frustfaktor bereits halbiert. 85A und weicher ist eine andere Liga.
Danach kommt der Filamentweg: kurz, geschlossen, ohne Lücken, mit frei laufender Rolle. Beim Elegoo Centauri Carbon 2 Combo bedeutet das eben, erst den Flex-Adapter zu drucken und CANVAS zu umgehen. Und dann, erst dann, die Einstellungen: langsam, wenig Retraction, moderate Kühlung, trockenes Filament.
Wenn du dich an speziellen Materialien generell versuchen willst: Viele der hier beschriebenen Prinzipien gelten auch für andere Sorten. In meinem Artikel über Spezial-Filamente und ihre Eigenheiten gehe ich auf Faserverbund, Hochtemperatur und Co. ein – und in meinem Kaufratgeber für 3D-Drucker steht, worauf du beim Extruder achten solltest, wenn flexible Materialien für dich dazugehören.
Und für alle, die es zuerst falsch machen: Willkommen im Club. Mein Fahrradhalter aus dem ersten Absatz hängt übrigens seit zwei Jahren am Lenker und lebt noch.
Downloads und weiterführende Links
- Elegoo Lab: Flexible Filament Printing Adapter für Centauri Carbon 2 Combo (nexprint.com)
- Printables: Centauri Carbon 2 Cover – TPU Fix / Adapter von Fish_89
- Printables: CANVAS Bypass für TPU inklusive Spulenhalter
- Filament richtig trocknen – Anleitung
- Pressure Advance im Orca Slicer kalibrieren
- Elegoo Centauri Carbon 2 Combo im Test
